PRAKTISCHE ERPROBUNG VON FORSCHUNGSERGEBNISSEN

In Erinnerung an den Stifter Dr. Hermann Eiselen (1926 - 2009) und sein Wirken stellte die Stiftung fiat panis im Jahr 2016 einmalig den Betrag von 100.000 Euro zur Verfügung, um eine praktische Erprobung von Forschungsergebnissen zu unterstützen, die erwarten lassen, auf besonders innovative Weise zur Überwindung des Hungers in der Welt beizutragen. Von der Stiftung fiat panis geförderte Forschungsprojekte oder die prämierten Forschungsarbeiten der Josef G. Knoll-Wissenschaftspreisträger der letzten zehn Jahre konnten sich um diese Projektmittel bewerben. Insgesamt lagen zum Einsendeschluss neun Projektvorschläge von ehemaligen Geförderten und Knoll-Wissenschaftspreisträgern vor. Alle Projektvorschläge waren zielorientiert und von guter bis hoher Qualität. Ausgewählt wurde der Projektvorschlag „Frühzeitige Identifizierung, Behandlung und Prävention von kindlicher Mangelernährung in ländlichen Regionen in West Bengalen, Indien“ von Frau PD Dr. Veronika Scherbaum, Universität Hohenheim und Dr. med. Monika Golembiewski, Leiterin der NGO Shining Eyes e.V., der das höchste Potential hat, auf besonders innovative Weise zur Hungerbekämpfung beizutragen.

Trotz des hohen Wirtschaftswachstums der letzten Jahre beherbergt Indien weiter eine bedrückende Armut. Besonders die Menschen auf dem Land sind betroffen. Etwa 48 Prozent der indischen Kinder unter fünf Jahren im ländlichen Raum sind chronisch mangelernährt. 70 Prozent der Kinder zeigen eine Anämie. Diese hohen Prävalenzen von Anämien und Mangelernährung zeigen sich bei der Santal-Population, die in den ländlichen Gebieten West-Bengalens lebt und zu den Ureinwohnern Indiens zählt. Um die Ernährungslage der Kinder und Mütter möglichst nachhaltig und großflächig zu verbessern, soll auf Basis der Erkenntnisse der Forschungsarbeit ein präventives Dorfprogramm entstehen und umgesetzt werden. Es gilt, diese Defizite zu verringern und den Kindern eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen, mit Teilhabe an einer schulischen und später auch beruflichen Ausbildung, sodass sie in Zukunft ihre Familien ausreichend ernähren können.

Das Dorfprogramm richtet sich ähnlich wie auch das geförderte Forschungsprojekt „Nutrient-dense supplemental meals with and without micronutrient sprinkles or micronutrient-rich leaf powder (Moringa/Amaranthus) to reduce the prevalence of anemia in children living in Birbhum District, West Bengal, India“ an Schwangere, Stillende und Kinder bis drei Jahre und sieht folgende Schritte vor:

  • Schwangerschaftsvorsorge zur Vermeidung von Komplikationen und für eine sichere Geburt
  • Screening/Therapie ausgezehrter Kinder durch Messen und Wiegen sowie durch Gabe eines Linsen-Getreide-Gemischs in der Nachsorge mit Gewichtskontrolle
  • Screening/Therapie anämischer Kinder durch medizinische Messung verbunden mit Gabe eines Eisen-Sirups in der Nachsorge und 2-monatiger Kontrolle
  • Screening/Therapie von Schwangeren und Stillenden mit Anämie mit Gabe von Eisen-Tabletten nach Bedarf und 2-monatiger Kontrolle
  • Screening/Therapie nach Tuberkulose-Erkrankungen zum Schutz der mangelernährten Kinder, die durch ihre erkrankten Eltern akut gefährdet sind
  • Bewusstseinsschaffungsprogramm mit 4 Modulen durch Sozialarbeiter (Themen: Schwangerschaft, Tuberkulose, Notfall-Krankheitszeichen bei Kindern, Mangelernährung und Anämie)
  • Anlegen von Küchengärten zum Anbau von Gemüse und Obs
  • , speziell auch Amaranthus und Moringa, die sehr eisenreich sind sowie eine Fülle von Aminosäuren beinhalten
  • Diversifizierung des Feldanbaus mit Anbau von Ölsaaten und Linsen zur Anreicherung der Ernährung und ggf. auch als Einkommensmöglichkeit.

Unter der Koordination der deutschen Nichtregierungsorganisation „Shining Eyes e.V.“ wird dieses präventive Dorfprogramm umgesetzt, das die Erfahrungen der Forschungsarbeit sowie die Diskussionsergebnisse eines Workshops mit einschließt. In 24 Dörfern um Bolpur, Westbengalen sollen alle Kinder bis drei Jahre und deren Mütter sowie Schwangere und Stillende mit dieser Maßnahme erreicht werden. Durch das Lindern der Mangelernährung in diesen 24 Dörfern und zeitgleiches Einrichten von Küchengärten als Basis einer verbesserten Ernährung sollen die Familien gestärkt werden. So wird das Fundament gelegt, um den Kreislauf der Armut zu durchbrechen.

Im April 2017 wurde ein Seminar im Krankhaus von Bolpur abgehalten, um über die Dorfentwicklungsmaßnahmen zu informieren. Es wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Santiniketan organisiert. Teilnehmer waren indische Ärzte, Ernährungswissenschaftler, Sozialarbeiter und Vertreter der lokalen Gesundheitsbehörde.

Im Juni 2017 wurde das Awareness Programm in den ersten 12 Dörfern angefangen. Pro Dorf wurden 4 Termine abgehalten, um mangelernährte Kinder zu identifizieren und Maßnahmen zur Bekämpfung einzuleiten. Kinder mit Anämie wurden täglich von Dorfhelfern besucht, damit die Eisentropfen auch wirklich von den Kindern eingenommen wurden. Die Schwangeren kamen regelmäßig ins Krankenhaus zur Schwangerschaftsvorsorge. Ein Gärtner ging regelmäßig in die Dörfer, um den Anbau von Gemüse in Küchengärten zu planen, welche dann von den Dorfhelfern weiter betreut wurden. Im November 2017 war subjektiv bereits eine Verbesserung der Anämien festzustellen. Manche zu Beginn schwer mangelernährte Kinder waren in einem bessern Ernährungsstatus. Die Fortbildungen über Mangelernährung und Anämien wurden durch die Bewohner der Dörfer gut angenommen. Wert legt Shining Eyes darauf, dass die Mütter ihre Situation reflektieren und die Zusammenhänge nachvollziehen, welche mit Mangelernährung und unzureichender kindlicher Entwicklung in Verbindung stehen. In den Dörfern wurde ein ausführliches Kochtraining auf häuslicher Basis etabliert, welches von 12 Dorfhelfern kontinuierlich begleitet wird.